So endet 2016

Nun neigt sich das Jahr 2016 schon dem Ende zu – Zeit, mal zurückzublicken. Was waren die Highlights, was die Flops, was die Überraschungen?

Februar:  Das Jahr ging sehr unspektakulär los, nette Lektüre, ja, aber nichts, das mich vom Hocker gerissen hat – leider eher im Gegenteil. Miranda Julys „Der erste fiese Typ“ wurde gehiped und gepusht, bis ich mich richtig darauf freute. Da bin ich wohl dem Marketing auf den Leim gegangen, für mich spricht aber, dass ich schon die Kurzgeschichten von July kannte und sehr mochte. Dann kam dieser Roman, der mich immer noch mit Fragezeichen zurücklässt.  Oft ändert sich die Sicht auf ein Buch ja im Nachhinein noch, aber dieses kann ich leider nach wie vor nicht empfehlen. Ich verstehe einfach nicht, was der Zweck dieses Romans sein soll. Vielleicht mag mich ja jemand aufklären …

März: Der März hat mich dann etwas mit der Literaturwelt versöhnt. Gleich zwei sehr bemerkenswerte Bücher, die ich definitiv nicht hergeben werde. Alessandro Bariccos „Mr. Gwyn“ ist ein wunderbarer, ruhiger Roman über einen Mann, der beschließt, aus seinem Leben auszusteigen und seinen großen Traum zu verwirklichen. Ein Buch zum Abschalten und Runterkommen, was ja heutzutage nie schadet. Das große Highlight war dann aber „Flüstern mit Megafon“ von Rachel Elliott: Sie wartet mit sympathischen Figuren auf, einer außergewöhnlichen Story, sprachlicher Brillanz und geistreichen Beobachtungen. Ich freue mich schon jetzt darauf, dieses Wunderwerk erneut zu lesen.

April: Zwei sehr unterschiedliche Bücher erwarteten mich im April. „Sonne, Mond und Sterne“ erzählt anhand von Lotteriekarten die Geschichte der kleinen Luz, die dramatische Ereignisse verarbeiten muss. Ein nettes Buch, wundervoll mit farbigen Seiten ausgestattet, aber leider nicht mehr – besonders im Vergleich zum zweiten Buch in diesem Monat: A.L. Kennedys „Der letzte Schrei“, das mich inhaltlich und sprachlich mehr als begeisterte. Wie ich in meiner Rezension schon schrieb, erschließen sich diese Geschichten wohl erst beim wiederholten Lesen, weil sie so vielschichtig und komplex sind. Großartige Lektüre, für die man sich aber Zeit nehmen muss.

Mai: Offenbar habe ich ein Händchen für gute Abwechslung, denn auch im  Mai waren es zwei Bücher mit eher durchmischter Bilanz. Während mich „Die Frauen von La Principal“ leider etwas enttäuscht zurückließen, begeisterte mich J. R. Moehringer mit seinem Roman „Knapp am Herz vorbei“. Eine wahre Geschichte frei erzählt, die tiefe Einblicke in die U.S.-amerikanische Seele gewährt und einfach Spaß macht. Richtig viel Spaß!

Juni: Im Juni stand „Ohrfeige“ von Abbas Khider auf meinem Leseplan – gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise ein wichtiges Buch, erlaubt es doch authentische Einblicke in das Leben eines Geflohenen, der versucht, in Deutschlands Bürokratendschungel mit allen Vorurteilen und  Hasstiraden ein neues Leben aufzubauen. Lesenswert.

Juli: Über die Brücke der Flüchtlinge tauchte ich im Juli komplett in die arabische Welt ein: mit „Das Licht im Land meines Vaters“ von Murat Isik und „Sophia“ von Rafik Shami. Schwer zu sagen, welches Buch nun besser ist – oder mir besser gefallen hat. Beide sind große Literatur, wenn sie auch ganz unterschiedliche Facetten des Lebens im Nahen Osten erzählen: Isik entführt uns nach Ost-Anatolien, wo noch strenge Traditionen herrschen und wo der Überlebenskamp selbst Mitte des 20. Jahrhunderts so hart war, dass keine Toleranz gelten durfte. „Sophia“ hingegen nimmt uns mit nach Syrien, in das Leben eine Migranten, der das Land verlassen musste und nun zurückkehrt auf der Suche nach seinen Wurzeln – allerdings nicht sein bester Plan, wie er feststellen muss, als sein Leben erneut in Gefahr gerät. Zwei große Bücher, zwei große Autoren! Ein dritter großer Mann reiht sich übrigens in diese Reihe ein: Julian Barnes, der englische Literaturwissenschaftler und Autor, versammelt in „Am Fenster“ diverse Essays zu literaturwissenschaftlichen Themen, die mich gern an mein Literaturwissenschaftsstudium zurückdenken ließen.

August: Im August ließ ich mich nach New York entführen. Mit „Straus Park“ von P. B. Gronda fing die Reise eher etwas lasch an, wurde dann aber von „Saint Mazie“ von Jami Attenberg gekrönt. Auch Mazie war eine historisch belegte Persönlichkeit, die die Armen und Obdachlosen in Manhattan beschützte. Tag für Tag saß sie in dem kleinen Kassenhäuschen ihres Kinos, beobachtete Menschen, sinnierte über das Leben und gab ihr Geld für Seife und Brot aus, die sie den Armen brachte. Als Tagebuch- und Briefroman geschrieben, brachte Attenberg Abwechslung in mein Lesen – vielen Dank!

September: Glücklicherweise nicht bergab ging es im September. Edgar Rai schrieb ein weiteres Buch, das mich das Geschenk des Lesens preisen lässt! „Etwas bleibt immer“ hat mich regelrecht umgehauen. Ich habe mich sehr gefreut, so viele positive Rückmeldungen zu diesem Buch bekommen zu haben, vielen Dank dafür. Auch „Das Kind der Anderen“ von Bethan Roberts schildert eine dramatische, eindrückliche Geschichte über eine verlorene Familie und das verlorene Selbst.

Oktober: Ebenso unterschiedlich wie erfüllend sind die drei Oktober-Titel: „Stadt der Lügen“ von der Journalistin Ramita Navai schildert in vielen Tatsachenberichten das Leben in Teheran – von Prostituierten, von Reichen, von Widerständlern, von Gläubigen … Sehr lesenswert und aufschlussreich. Auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand „Dunkle Seele, fremder Wald“ von Reinhard Kaiser-Mühlecker. Nicht so düster wie erwartet, aber sehr melancholisch und nachdenklich. Und last but not least Silvie Schenks „Schnell, dein Leben“ – die Geschichte einer jungen Französin, die einen Deutschen heiratet, was im Nachkriegsdeutschland ein handfester Skandal war, und sich zunehmend in dem Strudel namens Leben verliert. Ich kann von keinem dieser Bücher abraten, lest sie alle!

November: Ebenfalls um interkulturelle Beziehungen geht es in Dorit Rabinyans „Wir sehen uns am Meer“, nur hier sind eine Israelin und ein Palästinenser, die sich in New York kennen und lieben lernen, stets in dem Wissen, nie zusammen glücklich sein zu dürfen, solange sie ihre kulturellen Identitäten nicht aufgeben. Sehr dramatisch, flüssig und schön zu lesen. Ein Kulturschock im Vergleich dazu ist „Strand am Nordpol“ von Arnaud Dudek – aber ein positiver: Humor statt Tragik, Leichtfüßigkeit statt Dramatik. Hier geht es um die ältere Dame Françoise, die nicht zu alt ist, nochmal ihr Leben aufzurocken, den Umgang mit Computern zu lernen, auf Datingportale zu gehen etc. Dadurch verändert sie aber nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das von ihrem „Lehrer“ Jean-Claude. Eine sehr schöne Geschichte, so klein sie klingen mag, die durch eine außergewöhnliche Erzählstimme getragen wird.

Dezember: Und nun ist das Jahr auch schon fast um und endet so, wie es auch begonnen hat: durchmischt. Ariëlla Kornmehls „Alles, was wir wissen konnten“ erzählt die vom Leben ihrer eigenen Großmutter inspirierte Geschichte einer jungen Jüdin, die die Besetzung Amsterdams auf ganz eigene Weise übersteht und mich leider nicht mitgenommen hat. „Reise nach Orkney“ hingegen, von Amy Sackville, ist großes Lesekino – mit Emotionen satt, einer fantastischen Sprache – im wahrsten Sinne des Wortes – und nebulösen Figuren, die man nicht mehr loslassen möchte, selbst wenn das Buch zu Ende ist.

So, nun habe ich hier viel geschrieben – Glückwunsch, wenn du es bis hierher geschafft hast – und hoffe, noch ein paar Leseanregungen gegeben zu haben. Das Jahr 2017 steht mit vielen neuen Romanen vor der Tür, einige werden enttäuschen, andere begeistern – so ist das Lesen, so ist das Leben! Ich freue mich drauf! Einen guten Rutsch euch allen!

 

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