Ariëlla Kornmehl: Alles, was wir wissen konnten

Eine wichtige Geschichte, die leider etwas blass bleibt.

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Die junge Jet muss fliehen: Die Nazis haben die Niederlande besetzt und für Juden wird die Lage in der Hauptstadt immer gefährlicher. In dem kleinen Vorort Haarlem kommt Jet bei Henk, einem Freund ihrer Eltern, unter. Was ihre Eltern nicht wissen: Sie bringt ihren heimlichen Freund Misha mit, der fortan mehrere Jahre bei Henk im Keller lebt. Die Monate plätschern dahin und nichts passiert, Jet verliert den Kontakt zu ihren Eltern, doch sie selbst ist sicher … bis der Nachbar van Keulen auf die hübsche junge Frau aufmerksam wird. Er nötigt und vergewaltigt sie, immer und immer wieder. Und Jet wird schwanger.

 

Um Henk, Misha, sich selbst und das Kind zu beschützen, gibt sie es in die Obhut von van Keulen und dessen Frau. Trotz der stetig lauernden Gefahr, entdeckt zu werden, verbringt sie glückliche Jahre damit, ihren kleinen Otto hinter dem Gartenzaun aufwachsen zu sehen. Erst als der Krieg vorbei ist und Henk Misha und sie wegschickt, beginnt das wahre Leid für Jet.

Denn bis sie ihren Sohn wiedersieht, werden Jahrzehnte vergehen – Jahrzehnte, in denen sich Otto eine neue Existenz in den USA aufbaut. Obwohl er sich bemüht – um seine Frau, seine Kinder, seine Arbeit, seine Seelenruhe –, sind da immer Fragen in ihm und eine Unsicherheit, die er nicht erklären kann. Immer wieder denkt er an seinen Vater, der in der Nationaal-Socialistischen Beweging in Nederland (NSB) tätig war. Verurteilt wurde er nie, aber kann es nicht sein, dass er doch mehr wusste …?

Ariëlla Kornmehl hat die Geschichte ihrer eigenen Großmutter aufgegriffen und einen bewegenden Roman über Liebe, Schuld und offene Fragen geschrieben. So inhaltlich wertvoll das Buch ist – schließlich ist das Rahmenthema des deutschen Nationalsozialismus und all seinen grauenhaften Folgen gerade angesichts der vielen nationalistischen Bewegungen immer wieder aktuell und wichtig –, so blass bleibt es sprachlich. Schnörkellos und ohne große Kunstgriffe plätschert die Handlung dahin, zudem werden die üblichen Themenklischees bedient: Sprachlosigkeit angesichts der eigenen Rolle innerhalb der Nazi-Verbrechen, unter denen alle folgenden Generationen unbewusst leiden, sodass ich eine Leseempfehlung leider nur mit Vorbehalten ausspreche. Denn auch was das Thema angeht, gibt es sicher Bücher, die sich mehr lohnen und trotzdem noch mit sprachlicher Finesse aufwarten. Fazit: Kein schlechtes Buch, aber leider auch keins, das lange im Gedächtnis bleibt.

Über die Autorin: Ariëlla Kornmehl (* 1975 in Amsterdam) studierte Philosophie in Amsterdam und lebte einige Jahre in Südafrika. „Alles, was wir wissen konnten“ ist ihr vierter Roman.

Über die Übersetzerin: Marlene Müller-Haas (* 1948 in Randersacker) studierte Kunstgeschichte, Niederlandistik und Germanistik in Amsterdam und Berlin. Für die Übersetzung von „Kirschenblut“ von Charlotte Mutsaers erhielt sie den Else-Otten-Übersetzerpreis. Sie lebt als freie Übersetzerin in Berlin.

Ariëlla Kornmehl: Alles, was wir wissen konnten. Hoffmann & Campe: 2016. Hardcover, 207 Seiten.

 

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