Amy Sackville: Reise nach Orkney

Ein Buch, das mich sprachlos, aber begeistert zurückgelassen hat.

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Die Sprachlosigkeit ist in diesem Fall nichts Schlechtes, auch wenn ich für diese Rezension um Worte ringen muss. Aber beides – Sprachlosigkeit, das Ringen um Worte – sind Themen dieses Romans, der uns Leser in eine absolut reale Traumwelt entführt. Diese ist bevölkert von unheimlichen Wasserwesen, von rauen Wellen, kalten Winden, schwarzen Wolken, von abgrundtiefer Liebe und ebenso tiefer Angst, diese zu verlieren.

 

 

Aber von vorn: Es geht um Richard, einen alternden Literaturprofessor, und seine Braut, 40 Jahre jünger und seine ehemalige Studentin, die ihre Flitterwochen auf Orkney verbringen, einem mehr als unwirtlichen Inselarchipel nördlich von Schottland. Richard hätte sie gern in die Karibik entführt, Cocktails am Strand schienen ihm für Flitterwochen angemessener, doch seine Braut wollte nach Orkney, in die Heimat ihres geliebten Vaters, der die Familie unter mysteriösen Umständen früh verließ. Und so steht sie täglich am Meer, sturmumtost, und starrt auf den Horizont. Richard sitzt unterdessen an seinem Schreibtisch, eigentlich muss er an seinem neuen Buch arbeiten, doch er starrt hinaus, beobachtet seine frisch angetraute Frau, die er über alles liebt und die ihm doch stets ein Rätsel bleibt:

Immer wieder diese seltsamen Fetzen ihrer selbst, die sie mir anbietet und sogleich zurückzieht.

In der Tat ist sie rätselhaft, offenbart nicht viel von sich selbst, verlässt so oft sie kann allein das Haus, lässt ihren sehnsüchtigen Mann zurück und hat schrecklich Albträume, an die sie sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern kann. Man kommt als Leser nicht um die Frage herum, ob sie wirklich eine Menschenfrau ist oder nicht vielleicht doch eine Selkie, eine Frau aus dem Meer, so begierig versucht sie, der kalten Tiefe näherzukommen, obwohl sie nicht schwimmen kann.

„Reise nach Orkney“ ist ein Sprachfeuerwerk der stilleren Art, aber nicht weniger farbenprächtig. Amy Sackville bereitet es keinerlei Mühe, eine Handlung, die aufgrund der etwas kargen Lokalität nicht allzu viel anbietet und sich mindestens zur Hälfte aus der Gedankenrede des sich nach seiner Frau sehnenden Richard zusammensetzt, spannend und sprachlich grandios in einen Roman zu gießen, der keine Wünsche offenlässt. Zwei literarisch gebildete Protagonisten bieten einiges Futter, um fulminante Dialoge und Gedanken zu formulieren, die einfach Spaß machen und mich staunen ließen, wozu Sprache fähig ist. Um es kurz zu machen: Ich bin begeistert!

Über die Autorin: Amy Sackville (* 1981) unterrichtet an der University of Kent Creative Writing und lebt als Autorin in London. Ihr erster Roman, „Ruhepol“ erschien 2010 und wurde mit dem John Llewellyn Rhys Prize ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman, „Reise nach Orkney“, erhielt den Somerset Maugham Award.

Über die Übersetzerin: Eva Bonné (* 1970) studierte amerikanische sowie portugiesische Literaturwissenschaft und übersetzt aus dem Englischen und Portugiesischen ins Deutsche. Für Einmal Buddha und zurück erhielt sie 2005 den Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzungen. Sie überträgt u. a. Michael Cunningham, Pauls Toutonghi, Anne Donovan und Adam Ross in die deutsche Sprache.

Amy Sackville: Reise nach Orkney. Luchterhand: 2016. Hardcover, 251 Seiten

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4 Gedanken zu “Amy Sackville: Reise nach Orkney

  1. Pingback: Blogbummel Dezember 2016 – buchpost

  2. Das hört sich spannend an! Kommt schon mal auf meine „Zwischen-den-Jahren-lese-ich-mal-wieder-ganz-entspannt“ Liste:-) Ansonsten frohe Weihnachten! Die Bücherflocke

    • Viel Spaß! Ist die perfekte Zeit dafür, ein bisschen Ruhe braucht man für dieses Buch schon. Dir noch frohe Rest-Weihnachten 😉

  3. Pingback: So endet 2016 | LiteraturZeit

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