Sylvie Schenk: Schnell, dein Leben

156 Seiten – aber so sprachgewaltig wie ein 1000 Seiten-Epos.

sylvie-schenk-schnell-dein-lebenDieses kleine Büchlein mit – oben steht es ja – gerade mal gut 150 Seiten ist durchaus eine Überraschung. Zum einen ist es das zweite Buch in kurzer Zeit, das ich hier bespreche, das in der eher seltenen Du-Perspektive geschrieben wurde. Eine Form, die mir immer mehr gefällt und sehr eindringlich ist. Zum anderen vermutete ich hinter diesem fast schon schüchtern daherkommenden Buch nicht eine derartige Sprachgewalt. Die deutsch-französische Schriftstellerin Sylvie Schenk schreibt in ihrem (autobiografischen?) Roman über eine junge Französin: Louise wird als zweite Tochter eines französischen Ehepaars in den Alpen geboren und wächst nicht eben glücklich, aber auch nicht direkt unglücklich auf. Der Vater ist autoritär und stolz auf seinen Widerstand gegen die Deutschen im 2. Weltkrieg. Die Mutter ist schwach und muss bei ihrem Mann um Haushaltsgeld betteln. Konflikte werden hier nicht sachlich ausgetragen, sondern es fliegen die Fetzen, bis die Mutter droht, die Familie zu verlassen – ein einschneidendes Erlebnis für die kleine Louise.

Umso erleichterter ist sie, als sie in Lyon zu studieren anfangen darf. „Die böse Großmutter“ hält sie anfangs noch an der kurzen Leine, doch als sie endlich in ihre eigene Wohnung zieht und im Club „Les deux pianos“ Francine, Henri, Soon und Johann kennenlernt, blüht sie auf. Ihre erste Liebe zu Henri, dem einzigen überlebenden Sohn von im Krieg getöteten Juden, ist kompliziert, meist schwer und traurig. Ganz anders ist Johannes, der deutsche Austauschstudent, einer der ersten in der frisch geschlossenen Kooperationsinitiative zwischen den zwei Ländern. Johann ist lebensfröhlich und offenherzig verliebt. Er macht es Louise leicht, ihm nach Deutschland zu folgen. Sie heiraten, ziehen in ein kleines Städtchen, wo Louise Französischlehrerin wird. Doch dunkle Wolken ziehen auf: Johannes Familie ist so ganz anders als Louises – liebenswürdig, harmonisch, gebildet. Aber was ist mit der Vergangenheit von Johanns Vater? War er ein Nazi? Hatte er sogar mit dem Mord an Henris Eltern zu tun? Louise ist großzügig in ihrer Vergebung, muss aber lernen, dass Johann in Deutschland anders ist. Hier kann er die Schuld seiner Eltern nicht abschütteln und übernimmt Verantwortung, die er gar nicht tragen kann, wird krank daran …

„Das Glück ist nicht perfekt.“

„Schnell, dein Leben“ kommt schlicht daher: die Geschichte der jungen Frau, die mit so alltäglichen Problemen zu kämpfen hat und mit den großen historischen, die sich im Kleinen niederschlagen. Aber sprachlich ist dieser Roman alles andere als schlicht: Sylvie Schenk hat die seltene Gabe, die Beobachtungen, die sie an ihrem Figuren macht, in eine exakte, analytische Form zu gießen. Hier sitzt jedes Wort, wo es hingehört, keines tanzt aus der Reihe. Und das Ergebnis ist ein sehr kluges, stilles, gefühlvolles Buch, das nicht schont, aber auch nicht effektheischend schockiert, das sehr ruhig und besonnen mit Fakten und Gefühlen umgeht, selbst wenn die Protagonisten es nicht mehr können. Wunderschöne Literatur!

Über die Autorin: Sylvie Schenk (* 1944 in Chambéry, Frankreich) studierte, wie ihre Protagonistin Louise, in Lyon und kam 1966 nach Deutschland, wo sie anfangs als Lehrerin arbeitete. Für den Cornelsen-Verlag entwickelte sie später als freie Autorin mehrere Schulbuchreihen. Sie veröffentlicht in verschiedenen Verlagen Lyrik und Prosa und schreibt sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch.

 

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2 Gedanken zu “Sylvie Schenk: Schnell, dein Leben

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