Rafik Shami: Sophia oder Der Anfang aller Geschichten

Faszinierend, bunt und warmherzig.

Rafik Schami, Sophia

Über dieses wundervolle Buch gibt es so viel zu sagen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich versuche es mal mit dem Beginn: Rafik Shami erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte zweier Männer, deren Gemeinsamkeit eine Frau ist – Sophia. Sie ist die ehemalige Geliebte und Lebensretterin von Karim und die Mutter von Salman. Über mehrere Hundert Seiten hinweg werden uns Lesern die Leben dieser zwei Männer erzählt, und man ahnt nur, wie sie, die sich überhaupt nicht kennen, zusammenhängen. Mehr verrate ich hier dann auch gar nicht, ihr müsst es einfach selbst lesen!

 

Es ist erstaunlich, wie viele Überraschungen dieses Buch bereithält. Anfangs liest es sich wie ein unaufgeregtes Portrait zweier Männer – doch das ändert sich schnell, je mehr Hintergründe man erfährt. Karim soll einen Ehrenmord an seiner Schwester begehen, weil diese mit einem Mann durchgebrannt ist, der den Eltern nicht gefällt. Als er sich weigert, lässt die Familie die blutige Tat von einem anderen erledigen, schwärzt aber Karim an. Er muss untertauchen, um nicht in einem der brutalen Gefängnisse Syriens gefoltert und ermordet zu werden. Salman hingegen musste fliehen, weil er sich im Untergrund gegen die diktatorischen Machthaber erhoben hat. Offenbar kann man keine syrische Geschichte erzählen, ohne der Politik eine große Rolle einzuräumen. Mehr und mehr verwandeln sich die Portraits dieser zwei Männer in eine flammende Anklage gegen das syrische Regime. Man muss dazu sagen, die Handlung spielt im Wesentlichen 2010 – also noch vor dem Arabischen Frühling, der erst gegen Ende des Buches auftaucht. Schami beschreibt den Alltag der Menschen, ihre Angst, die Unfähigkeit, offen zu sprechen, ihre kleinen Tricks, es trotzdem zu tun. Durch Salman rühmt er das syrische Volk, das offenste und bunteste Arabiens zu sein – von dem jetzt, viele Jahre voller Terror und Folter, so gut wie nichts übrig geblieben ist. Hier überleben nur die Mutigsten und die Dümmsten beziehungsweise Niederträchtigste. Deutlich wird, dass hier völlige Willkür herrscht: Menschen werden ermordet, weil sie verwechselt werden – ohne Konsequenzen. Wer das meiste Geld zahlen kann, ist zumindest etwas sicherer als die anderen. Verbrechen werden fingiert, Einflüsse gelten gemacht, Bestechungen sind an der Tagesordnung – die perfekte Umgebung für Korruption und Misstrauen.

Was dieses Buch zu etwas Besonderem macht, ist Rafik Schamis Erzählton. Anschaulich schildert er die kulturellen Unterschiede und die reichhaltigen Gefühlwelten seiner Protagonisten. Er lässt bunte Marktszenen vor unseren Augen auferstehen, entführt uns in die zarte, aufrichtige Liebe von Karim und Aida, aber auch in Salmans Durst nach mehr. Ohne Klischees und eindimensionale Emotionen entwirft er ein Figuren-, Gedanken- und Gefühlspotpourri, das seinesgleichen sucht – gepaart mit viel Humor, klugen Gedanken, Spannung und politischer Anklage. Einmalig!

In einer lebhaften Diskussion lässt er seine Figuren im Buch über die verschiedenen Erzählweisen der Kulturen reflektieren. Für welche er sich entschieden hat, ist leicht zu sagen: Für alle! Nachahmung, sagt Schami, bringt nichts! Arabische Autoren müssen ihren eigenen Ton finden, so wie er selbst. Mit arabischer Fabulierlust und Lebendigkeit – aber doch nicht ganz so blumig und weitschweifig wie die Tradition – erzählt er eine wichtige und spannende Geschichte, völlig frei und schonungslos, da er im deutschen Exil lebt. Man spürt, wie sehr er seine Figuren mag – und auch, wie viel von ihm selbst in seinen Figuren steckt. Sie genießen das Leben, trinken gemeinsam Mokka zu jeder sich bietenden Gelegenheit, abends einen kühlen Wein, musizieren zusammen, spazieren durch die Natur und sind dankbar für gemeinsame Stunden. Welcher Deutsche kann so genießen? Haben wir es verlernt? Obwohl wir uns unseres Leben so viel sicherer sein können als die Menschen in Syrien – mittlerweile sowieso! „Sophia“ ist nicht nur ein mitreißender, großartig erzählter Roman, eine kulturelle Studie, eine politische Anklage … sondern auch ein Appell, das Leben zu genießen und dankbar zu sein, tolerant zu sein und großzügig!

Über den Autor: Rafik Schami (*1946 in Damaskus) floh 1970 aus Syrien und kam ein Jahr später nach Deutschland. Er setzte sein Studium der Chemie in Heidelberg fort und promovierte 1979. Mittlerweile ist er mit der Autorin und Künstlerin Root Leeb verheiratet und gehört zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern. Seine „Lesungen“ sind spektakulär, da er meist nicht liest, sondern mit großer Fabulierlust und frei von der Leber weg Geschichten erzählt. Die Liste seiner Auszeichnungen, auch aufgrund seines politischen Engagements, ist zu lang, um sie wiederzugeben, aber darunter sind der Adelbert-von-Chamisso-Preis (1985 und 1993), der Nelly-Sachs-Preis und der Hermann-Hesse-Preis.

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu “Rafik Shami: Sophia oder Der Anfang aller Geschichten

  1. Pingback: So endet 2016 | LiteraturZeit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s