Abbas Khider: Ohrfeige

Ein weiterer Flüchtlingsroman – doch dieses Mal von einem Autor, der eine Flucht und den Asyl-Wahnsinn am eigenen Leib erfahren hat.

Abbas Khider, OhrfeigeDer junge Karim wagt einen schicksalsträchtigen Schritt: Er flieht aus dem Irak und kommt nach Deutschland – nun ja, eigentlich wollte er zu einem Bekannten in Frankreich, dafür haben er und seine Familie viel Geld bezahlt, doch die Schlepper sind unzuverlässig (Überraschung) und setzen ihn mitten im bayerischen Nirgendwo ab. Da hat Karim dann gleich noch mal Pech und wird von der Polizei aufgegriffen. Nun hängt er also in Deutschland fest, denn in dem Land, in dem man zum ersten Mal gemeldet ist (richtig wäre, in dem man zuerst europäischen Boden betritt – aber das funktioniert eh nicht richtig), muss man bleiben. So auch Karim. Er wird von Flüchtlingsheim zu Flüchtlingsheim bugsiert, ist der Willkür verwirrender Gesetze ausgeliefert und versteht sowieso nichts, da er kein Deutsch spricht. Ein Umstand, den die Behörden auch nicht ändern wollen.

Karim ist ein Vorzeige-Flüchtling, aus deutscher Sicht selbstverständlich: Er will hier arbeiten für sein Geld, vorher studieren, im Irak hat er ein gutes Abitur gemacht. Doch um zu studieren, muss er erst mal die Sprache lernen. Einen Sprachkurs bekommt er aber erst dann bezahlt, wenn er arbeitet oder ein Jahr wartet … Zudem wird sein Abitur nicht anerkannt, er muss erst ein deutsches machen, wofür er natürlich Deutsch können muss, einen Sprachkurs bekommt er aber erst, wenn … Er könnte natürlich auch aus eigener Tasche ein Deutsch-Zertifikat bezahlen, doch das kostet so viel, dass selbst die meisten Deutschen mit gut bezahltem Job erst mal schwer schlucken müssen. Also, man sieht das Problem recht schnell, vor das Karim gestellt ist.

Also hockt er gelangweilt, verzweifelt und voller Heimweh auf seinem Zimmer im Flüchtlingsheim und wartet auf die Entscheidung seines Asylantrags. Viel Zeit, um sich mit seinen neuen Freunden, die aus allen Teilen der arabischen Welt stammen, zu unterhalten. Von ihnen erfährt er, was er vor dem Richter sagen darf und muss und was eben nicht. Denn Karim hat ein Problem: Er wird im Irak nicht politisch verfolgt, muss keine Folter fürchten und hat eigentlich auch sonst keinen Grund für Asyl. Außer: Er will ein besseres Leben für sich und seine Familie, er hat ein körperlicher Handicap, das er im Irak nie beheben lassen könnte, in Deutschland wäre es nur ein kleiner Eingriff. Und er ist bereit, hart dafür zu arbeiten. Doch wie, wenn man ihm jede Möglichkeit verwehrt? Karim will sauber bleiben, doch die Langeweile und das Zusammensein mit Jungs, die illegal so viel mehr Erfolg haben als er, machen das schwer … Und dann kommt auch noch der 11. September.

Es ist nicht leicht, in dieser Frage – der Flüchtlingsfrage – den richtigen Ton zu treffen, selbst bei einer Rezension, von einem emotionalen, persönlichen Roman ganz zu schweigen, aber es gibt ohnehin immer jemanden, dem man auf die Füße tritt, egal, was man schreibt. Abbas Khider, der selbst aus dem Irak floh, schreibt von einem jungen Mann, der seiner geliebten Heimat und Familie den Rücken kehrt, um neu anzufangen, der keine Geschenk erwartet, nur eine Chance. Da die Geschichte von Karim rückblickend erzählt wird, spürt man von Anfang an, wie wütend er ist und wie enttäuscht, fast schon resigniert. Und das kann man gut verstehen – ich denke, AfD-Anhänger eher nicht, aber jeder mit ein bisschen Mitgefühl und Menschenverstand. Gleichzeitig wird deutlich, dass das deutsche System von Paragrafen und Klauseln so zugedröhnt ist, dass keine wirklich Hilfe mehr entstehen kann. Ein paar Freiwillige, die Behördengänge unterstützen und Anträge übersetzen oder erklären, bewirken um einiges mehr als die Beamten selbst. Und es wird auch deutlich, dass das System auf das große Ganze ausgerichtet ist, nicht auf den einzelnen Hilfesuchenden. Und genau das ist verkehrt. Als deutscher Leser versteht man vielleicht etwas besser, was hinter einzelnen Verordnungen und Regeln steht, als als Flüchtling aus einem ganz anderen System. Man versteht, warum einzelne Regeln wichtig sind, gegen die sich Karim auflehnt – aber im Großen und Ganzen bleibt es ein perverses Durcheinander, das den Einzelnen mit einer Arroganz aus dem Blick verliert, die mich furchtbar wütend macht.

Interessant ist, dass immer Wut und Hilflosigkeit zurückbleiben, wenn man sich mit dieser Frage beschäftigt, egal, ob man Bücher aus Flüchtlingsperspektive liest – wie hier von Abbas Khider ­– oder aus der Perspektive Einheimischer, wie Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“. Fest steht: Die finale Lösung ist das noch nicht, hoffe ich zumindest. Da ist noch viel Luft nach oben, einiges besser zu machen, und das ist auch normal. Es schlechter zu machen geht allerdings kaum noch. Außer man nimmt gar keine Flüchtlinge auf. Als Fazit bleibt also: Ein wichtiges Buch mit einer neuen Perspektive. Und die Bitte: Liebe Flüchtlinge, habt noch etwas Geduld mit uns. Hoffentlich lernen wir aus unseren Fehlern.

Über den Autor: Abbas Khider (* 1973 in Bagdad) ist ein deutsch-irakischer Schriftsteller, der mittlerweile in Deutschland lebt. Wegen politischer Aktionen gegen Hussein wurde er verhaftet, gefoltert und 2 Jahre inhaftiert. 1996 floh er aus dem Irak und bekam nach Zwischenstationen in Libyen und Jordanien 2000 Asyl in Deutschland, wo er in Potsdam und München Literatur und Philosophie studierte.

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