Yamen Manai: Die Serenaden des Ibrahim Santos

Geschickt und außergewöhnlich!

Yamen Manai, Die Serenaden des Ibrahim Santos

Im kleinen karibischen Dörfchen Santa Clara ticken die Uhren etwas anders. Eine Zigeunerin wahrsagt die Zukunft, Ibrahim Santos sagt mit seiner Geige das Wetter voraus und die traditionellen Destillen bringen den besten Rum hervor, den die Welt je gesehen hat. Das findet leider auch der Präsident des Landes. Er würde Santa Clara gern besuchen, findet es allerdings nirgends auf der Landkarte, auch keiner seiner Minister kennt das Örtchen. Also wird eine Armee-Patrouille losgeschickt – und was findet sie vor? Ein Dorf, das die Revolution und den Machtwechsel völlig verschlafen hat. Nun heißt es: Straßen und Plätze umbenennen, eine neue Hymne lernen, neue Flaggen hissen … und nur nichts verraten, wenn in drei Tagen der Premierminister eintrifft. Der hat allerdings nicht Gutes im Gepäck, wie die Zigeunerin weiß. Der Präsident liebt den Rum so sehr, dass mehr davon hergestellt werden muss. Agraringenieur Joaquín Calderon soll das in die rechten Bahnen lenken, den Zuckerhutbauern die modernsten Anbaumethoden beibringen und die Destillen auf den neuesten Stand bringen.

Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Die Bauern wehren sich und da Calderon mit Güte nicht weiterkommt, greift er streng durch – immer schärfere Regeln bestimmen den Alltag und das Leben der Menschen in Santa Clara. Alles zum Wohle der Nation, versteht sich. Von Santos’ Serenaden will Calderon natürlich auch nichts wissen, wozu gibt es denn Thermo- und Barometer? Doch der Diktator im Kleinen, Calderon, muss einsehen, was jeder Machthaber irgendwann lernen muss: Die Macht des Volkes ist stärker! Santos holt seine Geige entgegen aller Verbote doch hervor und was sein Lied verspricht, lässt Calderon erzittern …

Der tunesische Autor Yamen Manai liefert mit „Die Serenaden des Ibrahim Santos“ eine Satire auf die Diktatur in seinem Land. 2007 begann er, den Roman zu schreiben, in der Hoffnung, in Tunesien ein Zeichen zu setzen und etwas zu bewegen. Doch noch bevor das Buch veröffentlicht werden konnte, sogar nur kurz nach der Fertigstellung, gingen im nordafrikanischen Staat tiefgreifende Veränderungen vor: Kleinere Protestkundgebungen weiteten sich zu einer umfassenden regimekritischen Bewegung aus, woraufhin der autoritäre Präsident Ben Ali das Land fluchtartig verließ und eine Übergangsregierung die Demokratie möglich machte, mit Pressefreiheit, ohne Korruption und mit freien Wahlen – natürlich nicht ohne Stolpersteine, einige Misstöne gab es schon. Heute gilt Tunesien aber als einziges „freies“ islamisches Land mit Gleichstellung der Geschlechter, Religionsfreiheit und Demokratie. Gab der Arabische Frühling 2011 in Tunesien Anlass für viele islamische Staaten, ebenfalls gegen ihre diktatorischen Machthaber zu rebellieren, ist Tunesien bis heute das einzige Land, in dem die Revolution glückte – genauso wie Yamen Manai es in seinem Roman voraussagt.

„Die Serenaden des Ibrahim Santos“ ist ein beeindruckendes Buch, nicht nur aus politischer Warte. Mit viel Witz und Leichtigkeit schildert er Schreckensmomente und den (wenn auch hier humoristisch überzeichneten) Alltag in einer Diktatur, die Willkür, den Non-Sense der Machthaber und die Hilflosigkeit des Volkes. Aber er zeigt auch, wie viel Macht das Volk haben kann, wenn auch nur unter Opfern. Ein Buch, das das Prädikat „anders“ absolut verdient, „anders“ und „großartig“!

Über den Autor: Yamen Manai (* 1980 in Tunis) lebt heute als Ingenieur in Paris. 2010 erschien sein erster Roman „La marche de l’incertitude“, der mit dem tunesischen Prix Comar d’Or und dem französischen Prix des Lycéens Coup de cœur de Coup de soleil ausgezeichnet wurde.

Über die Übersetzerin: Bettina Deininger (* 1970) ist Verlegerin des Austernbank Verlags, in dem die deutsche Ausgabe von „Die Serenaden des Ibrahim Santos“ erscheint.

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