Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Erpenbecks neuester Roman erscheint genau zum richtigen Zeitpunkt und ich wünschte, man würde ihn zur Pflichtlektüre für alle machen!

Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen

 

 

 

 

 

 

 

 

Richard wurde gerade von der Uni in den Ruhestand versetzt – ein Zustand der notorischen Langeweile und Unterforderung, ja, der Orientierungslosigkeit bestimmt nun sein Leben. Seit dem Tod seiner Frau lebt er allein, Kinder haben sie nie bekommen. Eher durch Zufall wird er auf die Flüchtlinge aufmerksam, die auf dem Berliner Oranienplatz campieren. Er geht dorthin und sieht sich um – und schon prasseln Fragen auf ihn ein: Warum tun sie das? Woher kommen sie? Warum sind sie nach Deutschland gekommen? Und ja, auch: Mit welchem recht fordern sie bessere Unterbringung, fordern sie, zusammenzubleiben? Sie können doch froh sein, hier bleiben zu dürfen. Auf den ersten Blick Fragen, die sich jeder stellen würde und die sich – heute mehr denn je – auch jeder fragt, sogar: die laut in die Welt gebrüllt werden.

Doch dann werden die Flüchtlinge in eine ehemaligen Senioreneinrichtung einquartiert, ganz bei Richard in der Nähe, auf dem Brandenburgischen Land neben einem See. Die Fragen, die sich Richard auf dem Oranienplatz gestellt hat, lassen ihn nicht mehr los, also geht er zum Seniorenheim und fragt. Er begegnet Raschid, dem Blitzeschleuderer, und dem Sänger Abdusalam, dem Hünen Ithemba und Moussa mit den blauen Tätowierungen im Gesicht. Er fragt sie nach ihren Geschichten und Hoffnungen und erfährt von auf Schlepperboten ertrunkenen Kindern, erschossenen Vätern, von Sklavenleben ohne Rechte, von unvorstellbarer Gewalt und von den mannigfaltigen lebensbedrohlichen Gefahren auf dem Weg nach Deutschland, Schweden, Italien. Und ihre Hoffnungen? Arbeit, als Gruppe zusammenzubleiben, ein wenig Achtung und Respekt. Und was bekommen sie stattdessen: Monatelang zusammengepfercht zu leben, fast schon menschenunwürdig, und dann die größte Waffe in Deutschland: Das Gesetz! Unzählige Paragraphen, die gegen sie ins Feld geführt werden, gegen die nicht mal ein Muttersprachler ankäme, dazu juristische Raffinessen, die auch kriminell genannt werden könnten.

Richard lernt diese Männer zu mögen, er entwickelt einen Beschützerinstinkt, begleitet sie zu Behörden, lehrt sie Deutsch, beschafft ihnen Gelegenheitsarbeiten, damit sie ein bisschen Geld verdienen können und, wichtiger noch, etwas Beschäftigung haben. Richard lernt: Die Männer sind traumatisiert, haben große Verluste erlitten, suchen nur Schutz, sie wollen arbeiten, wollen ein ehrbares Leben führen, wollen Deutsch lernen und dann in Frieden leben.

Nur wenn sie Deutschland jetzt überlebten, hatte Hitler den Krieg wirklich verloren.

Scheinbar ein Ding der Unmöglichkeit hier in Deutschland, wo diejenigen, die am bequemsten vom Staat leben, die größte Angst haben, dass sie das auch noch mit anderen teilen müssen, womöglich auch noch mit Menschen, die es „weniger verdient haben“, weil … ja, warum? Weil sie auf dem falschen Kontinent geboren wurden? Die falsche Hautfarbe haben? Die falsche Sprache sprechen?

Führt der Frieden, den sich die Menschheit zu allen Zeiten herbeigesehnt hat und der nur in so wenigen Gegenden der Welt bisher verwirklicht ist, denn nur dazu, dass er mit Zufluchtsuchenden nicht geteilt, sondern so aggressiv verteidigt wird, dass er beinahe schon selbst wie Krieg aussieht?

Jenny Erpenbeck ist zurück. Mit ihrem neuen Roman, der für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert ist, schließt sie sprachlich an „Heimsuchung“ an – prägnant, voller Symbolkraft, mit einer lebendigen, spannenden Motivik und gleichzeitig rührend und wütend. Mit feiner Ironie führt sie die Fallstricke der deutschen Rechtslogik vor und zeigt, wie aus einem besorgten, letztlich aber ahnungslosen und von Vorurteilen behafteten Bürger ein Mann wird, der Verantwortung übernimmt und der Sympathie für diese Flüchtlinge entwickelt. Würden alle Deutschen dieses Buch lesen, gäbe es weniger Pegida-Anhänger, weniger Angriffe auf Flüchtlings- und Asylunterkünfte. Ich drücke fest die Daumen für den Deutschen Buchpreis, liebe Frau Erpenbeck, nicht nur weil es ein wichtiges Signal wäre, sondern vor allem, weil das Buch es verdient hat, auch losgelöst vom politischen Kontext!

Über die Autorin: Jenny Erpenbeck (* 1967 in Ost-Berlin) stammt aus einer Schriftsteller-Familie. Sie arbeitet als freischaffende Theaterregisseurin und Buchautorin. 2013 erhielt sie den Joseph-Breitenbach-Preis für ihr Gesamtwerk.

 

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2 Gedanken zu “Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

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