Julia Jessen: Alles wird hell

Wenn der Leser zum Gedankenleser wird …

Julia Jessen, Alles wird hellErst ist Oda ein junges Mädchen, dann eine erwachsene Frau mit Mann und kleinem Sohn, dann eine alte Dame. In drei Teilen erzählt Julia Jessen in ihrem mehr als beeindruckenden Debüt das Leben von Oda, die jede von uns sein könnte.

Im ersten Teil kämpft die 16-jährige Oda mit dem Erwachsenwerden. Da ist ein Mann, der Mann ihrer Tante, der ihr gefällt, da ist der kleine Bruder, der nervt, und da ist diese komplizierte Beziehung zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Oda beobachtet alle Menschen um sich herum genau, alle Beziehungen und Gefüge – und auch sich selbst. Das Spiel von Nähe und Entfernung, von Fremdheit und Annäherung ist kaum zu ertragen, und wie findet man in diesem Geflecht zu sich selbst? Nur indem man Opfer bringt.

Das bestätigt sich, wenn wir Oda als erwachsene Frau sehen: Sie liebt ihren Mann, doch er bricht ihr das Herz, indem er kein weiteres Kind möchte, das sie sich doch so sehr wünscht. Eine Meinungsverschiedenheit, die diese Ehe fast zerstört, doch da ist schließlich ihr Sohn Fritz – für ihn muss sie kämpfen und an sich arbeiten. Und dann ist da wieder dieser Mann, der ihr immer noch gefällt und mit dem sie die Fremdheit, die sie stets spürt, in Nähe umwandeln kann. Vielleicht lässt die sich übertragen …?

Und im letzten Teil wissen wir dann: Es hat funktioniert … Doch nun droht erneut ein Verlust.

Der Leser folgt all diesen Erlebnissen nicht etwa, indem sie erzählt werden – die Außenhandlung spielt nur dahingehend eine Rolle, dass wir beobachten, was sie mit Oda anrichtet. Eigentlich sitzt der Leser in Odas Kopf und liest ihre Gedanken und Gefühle. Und das ist so großartig! Ich bin eigentlich kein großer Freund von Büchern, die kaum Handlung haben, aber dieses ist so gelungen und gekonnt, dass ich begeistert bin! Anfangs erschienen mir Odas Gedanken und Empfindungen seltsam und spröde, doch nach und nach (und das geht recht fix) stellte ich fest, dass mir all das so vertraut ist, dass das Lesen großen Spaß gemacht hat. Oda ist nicht immer nett, sie ist nicht immer fair, sie ist egoistisch und großzügig, sie hat Probleme – manchmal große Probleme –, ihre Gedanken und Gefühle in Worte zu kleiden, aber das ist alles so richtig! Jeder von uns kennt diese heillose Verwirrung im Kopf und in den Emotionen, dass sich alles im Zwei-Minuten-Takt ändert und dass man sich sich selbst hilflos ausgeliefert fühlt. Julia Jessen hat das in die passende Form gegossen, sowohl inhaltlich als auch sprachlich – eine Sprache, die manchmal so wirr wie Oda ist, aber doch immer auf den Punkt. Virtuos findet Jessen immer genau die richtigen Worte, um uns zu zeigen, wie Oda sie nicht findet. Spannend und rührend und unterhaltsam und einfach großartig!

Über die Autorin: Julia Jessen (* 1974) arbeitete nach einem abgebrochenen Literaturstudium und eine Schauspielausbildung zehn Jahre lang für Film und Fernsehen, spielte in mehreren Theaterproduktionen und unterrichtete an verschiedenen Schauspielschulen. 2010 gründete sie das »Kurswerk« in Hamburg für Schauspielunterricht und Persönlichkeits- und Präsenztraining. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg. „Alles wird hell“ ist ihr Debütroman.

 

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