Amy Bloom: Wir Glücklichen

Traurig, aber nicht deprimierend. Leicht, aber nicht bedeutungslos.

Amy Bloom, Wir Glücklichen

Als ihre Mutter sich ohne Abschied aus dem Staub macht, bleiben Eva nur ein Koffer, eine kratzbürstige Schwester und ein stets abgebrannter, kleptomanischer Vater. Mit ihrer Schwester Iris verschwindet sie bald aus dem langweiligen Ohio, um ihr Glück in Kalifornien zu suchen. Iris wird zum Filmstar, während Eva Kostüme näht und kocht. Doch das Glück ist ihnen einfach nicht hold: Iris erlebt einen Absturz, ihr Vater taucht auf, sie müssen umziehen, um in New York von vorn anzufangen. Dabei spielt ihnen das Schicksal immer wieder Streiche, bis Eva am Ende allein dasteht, zu intelligent, um aufzugeben, zu visionslos, um sich eine Zukunft aufzubauen.

Amy Bloom berichtet eindringlich und doch leicht von dem Mädchen Eva, das mitten im Zweiten Weltkrieg langsam zur Frau heranwächst, das zahlreiche Hochs und Tiefs erlebt, aber nie seinen Platz im Leben findet. Dabei lernt Eva jedoch, dass es immer weitergeht, so lange man Freunde hat, dass man sich nicht aus seiner Verantwortung stehlen darf und dass Bücher einem das Leben retten können.

„Wir Glücklichen“ trägt einen zutiefst zynischen Titel, denn Eva ist keine Sekunde glücklich, was recht schnell zu der Frage führt: Was ist Glück? Gibt es Glück? Eva und Iris, Edgar und Francisco sind keine Figuren, die alles haben und doch nicht glücklich sind – nein, sie sind Figuren, die alles verlieren, die kämpfen müssen, die Verluste ertragen und auch verzeihen müssen. Ein paar von ihnen sind zwischendurch mal glücklich, immer dann, wenn das Schicksal eine Pause einlegt und die Zügel locker lässt … nur um sie gleich darauf wieder anzuziehen. Die Glücklichen in diesem Buch sind immer dann glücklich, wenn sie nicht unglücklich sind. Ist das die Definition von Glück: Die Abwesenheit von Unglück? Ich bin sicher nicht die Erste, die diese Fragen stellt, und werde auch nicht die Letzte sein – schließlich muss sich jeder selbst damit beschäftigen und vor allem eigene Antworten finden.

Dass man dieses Buch trotz aller Traurigkeit und Rückschläge nicht traurig zur Seite legt, liegt an Amy Blooms leichtfüßiger Sprache, mit der sie vergangene Zeiten und beeindruckende Charaktere mit mehr Schwächen als Stärken lebendig werden lässt. Trotzdem haben sie doch – wie wir alle – ein bisschen Glück verdient. Und am Ende? Vielleicht wird doch noch alles gut.

Über die Autorin: Amy Bloom (* 1953 in N.Y.C.) war als Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin tätig, bevor sie die Literatur entdeckte. Mit zahlreichen Universitätsabschlüssen arbeitete sie als Dozentin für Kreatives Schreiben an der Yale University. Sie veröffentlicht Romane und Kurzgeschichten und ist der kreative sowie produktive Kopf der Fernseh-Serie State of Mind.

Über die Übersetzerin: Kathrin Razum (* 1964 in Heidelberg) studierte Anglistik und Geschichte in Heidelberg und an der Louisiana State University in Baton Rouge, USA. Sie war Lehrbeauftragte am Anglistischen Seminar in Heidelberg und Redakteurin der Zeitschrift Übersetzen. Heute arbeitet sie als Übersetzerin und Lektorin. Ins Deutsche überträgt sie u.a. Susan Sontag und T. C. Boyle.

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Ein Gedanke zu “Amy Bloom: Wir Glücklichen

  1. Pingback: Amy Bloom: Meine Zeit mit Eleanor – LiteraturZeit

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