Lotta Lundberg: Zur Stunde Null

Lotte Lundberg, Zur Stunde NullLotta Lundberg hat ihre ganz eigene Art, Leser mit seelischen Abgründen zu konfrontieren – und das höchst prägnant, beindruckend weise und zutiefst berührend. Allerdings sind ihre Worte keine sanfte Berührung, kein „Ach, wie traurig“, sondern eher ein leises Keuchen voller Bestürzung und der Frage „Was hätte ich …“.

In ihrem neuen Roman „Zur Stunde Null“ erzählt sie die Geschichten dreier Frauen – eine noch ein Mädchen –, die in unterschiedlichen Stadien einer Entscheidung stecken. Hedwig lebt in Berlin, im Jahr 1945. Sie ist Schriftstellerin mit Publikationsverbot und hat eine Tochter, die zu drei Vierteln Jüdin ist – ein angenehmes Leben verspricht das nicht, obwohl Hedwig stolze Deutsche ist. Und alles, was sie möchte, ist zu schreiben. Schon 14 Jahre zuvor wollte sie nur das, doch da hatte sie einen schreienden Säugling, der ihre Zeit und Aufmerksamkeit verlangte. Damals gab Hedwig ihre Tochter in ein Säuglingsheim, um in Ruhe schreiben zu können. Und auch nun, mitten im Krieg, ist ihre Tochter unbequem, einen Judenstern müsste Hedwig an ihre Tür heften, doch das würde ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen, also muss eine andere Lösung her. Als ihre Tochter abtransportiert wird – als Kinderkrankenschwester –, ist Hedwig stolz … und endlich hat sie ihr Leben wieder für sich. Auch wenn sie sich später unbequemen Fragen stellen muss.

Verlassen ist auch das Mädchen Isa, 40 Jahre später. Ihre Mutter hat sich gegen ein Leben mit ihr entschieden, um in Ruhe in Afrika forschen zu können. Auch ihr Vater liebt seine Forschung, duldet Isa aber an seiner Seite. Um die geballte Ablehnung ihrer Eltern ertragen zu können, begibt sich Isa in Therapie, bei Ingrid.

Ingrid hat jedoch selbst genügend Probleme. Sie gibt ihre geliebte Arbeit als Psychotherapeutin auf, zieht mit ihrem Parkinson-kranken Mann auf eine abgelegene Schäreninsel und muss hilflos zusehen, wie ihr Mann in die Fänge einer Schriftstellerin gerät. Als er ihr gesteht, dass er die andere Frau liebt, packt Ingrid ihre Sachen und flieht nach Berlin. Doch kann sie ihren Mann wirklich verlassen?

Drei Frauen – drei Entscheidungen: Hedwig hat ihre Tochter offenen Auges ins Verderben laufen lassen, ohne es wahrhaben zu wollen. Sie versucht noch Jahre später, sich aus der Verantwortung zu reden, doch innerlich weiß sie, dass sich schuldig gemacht hat. Auch der Satz: „Wir wussten doch nichts“ ändert nichts daran. Isa muss die Entscheidung ihrer Eltern, für die Arbeit zu leben, ertragen. Und Ingrid muss erst noch eine Entscheidung treffen: Gehen oder bleiben? Für sich selbst oder den anderen leben?

Lotta Lundberg schreibt eindringlich und auf den Punkt, schonungslos, auf eine gleichermaßen bestürzende wie unspektakuläre Art. Große Literatur!

Zwischen dem, wer man ist, und dem, wer man sein könnte, liegt eine tiefe Kluft. Wenn man diese Kluft nicht überwindet, bleibt alles sinnlos.

Sehr bestürzend und zutiefst berührend sind die Szenen mitten aus dem Nachkriegsgeschehen: Tausende Flüchtlinge aus Schlesien ziehen durch Brandenburg auf dem Weg zu neuen Unterkünften, neuen Leben, marodierende Soldaten ohne jegliches Gewissen, die morden, plündern, zerstören und – vergewaltigen. Hungernde, kranke Menschen, wohin das (geistige) Auge blickt. Meine Oma war selbst ein Flüchtling aus Schlesien. Sie hat mir von ihrer Flucht erzählt, von tagelangem Hunger, von gammeligem Brot, das trotzdem gegessen wurde, wenn man nicht verhungern wollte. Ihre Berichte waren schockierend. Dieses Buch hat mir wieder vor Augen geführt, welchen Ausmaßes die Gefahr für die Flüchtlinge wirklich war. Und dass es auch hier schwierige Entscheidungen zu treffen gab, die die menschliche Würde auf eine harte Prüfung stellte. Im Nachhinein ist es leicht zu sagen, was richtig und was falsch ist, doch vor dem Treffen solcher Entscheidungen werden wir niemals stehen. Das ist auch gut so.

Über die Autorin: Lotta Lundberg (* 1961 in Uppsala) studierte Politikwissenschaften und schreibt heute neben ihren Romanen Artikel für schwedische Feuilletons. Sie lebt seit 2004 in Berlin, was ihre weisen Worte über diese Stadt und über die Gefühle der Deutschen insgesamt erklärt. Dennoch ist der Roman „Zur Stunde Null“ der einzige von insgesamt sechs, der ins Deutsche übersetzt wurde. Ausgezeichnet wurde er mit dem renommierten Romanpreis des Schwedischen Radios.

Über die Übersetzerin: Nina Hoyer studierte Nordistik und Anglistik in Kiel sowie Buchwissenschaften in München. Nach einem Volontariat beim Ravensburger Verlag zog die Sylterin 2004 auf die Insel zurück. Mittlerweile hat sie neun Bücher übersetzt.

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