Dima Wannous: Dunkle Wolken über Damaskus

Denn das syrische Volk erfreute sich seit ewigen Zeiten eines gen Himmel gestreckten Antlitzes und einer Würde, die nicht einmal der Teufel selbst in der Lage war, herabzumindern oder zu verachten.

Dima Wannous, Dunkle Wolken über DamaskusDie neun Erzählungen in Dima Wannous Erzählband „Dunkle Wolken über Damaskus“ entstanden vor dem Bürgerkrieg in Syrien, nehmen die Entwicklung aber vorweg oder zeigen zumindest auf, warum alles so gekommen ist. Die Überzeugung, die das Zitat oben zum Ausdruck bringt, wird dabei Lügen gestraft.

Die Erzählungen durchdringen jeden Bereich einer Gesellschaft, es geht um Männer und Frauen, um Privates wie Berufliches, um große politische Zusammenhänge und die Sorgen des kleines Mannes, um Respekt und Abhängigkeit, um Hoffnungen, Visionen und Enttäuschungen, um Korruptionen und Freundschaft, um Lust und Bewunderung.

Eine der Geschichten, die mich am meisten beeindruckten, ist die über Hanân, eine selbstbewusste starke Frau, die scheinbar friedlich mit ihrem langweiligen Ehemann zusammenlebt, sich dabei aber auf die Sünde und das Risiko einlässt. Als Geliebte verschiedener mächtiger Politiker hat sie eine Möglichkeit gefunden, das öffentliche Geschehen zu beeinflussen. So trifft sie politische Entscheidungen, fördert die Karriere ihres Ehemannes und wird einflussreicher als die Männer, denen sie dient. Doch nun muss sie sich zwischen zwei ihrer Liebhaber entscheiden: Dschâbir, in den sie sich aufrichtig verliebt hat, oder Abu Alaa, der ihr nicht nur voll und ganz verfallen, sondern auch mächtiger ist und ihr größeren Einfluss ermöglicht?

Eine andere Erzählung möchte ich auch noch erwähnen: Die von Mohammed, dem Fahrer, der die reiche Madame Abîr zum Einkaufen chauffiert. Er bewundert die vermögende Frau, die Klasse, aber auch Kälte versprüht – dieses Gefühl verspürt er zum ersten Mal in seinem Leben.

Er hätte es sich im Leben nicht vorstellen können, dass es auch andersherum möglich wäre. Dass der Mann seine Frau respektierte und nicht umgekehrt.

Und obwohl dieser Kerl der reinste Kotzbrocken ist, keimt auch Mitgefühl mit ihm – und seiner Frau – auf, denn er schuftet täglich, um sich und seine Familie über die Runden zu bringen, er muss die schlichten Träume, die er für sich und seine Kinder hegte, nach und nach aufgeben, bis allein die Tatsache, abends heil heimzukommen, ausreicht, ihn glücklich zu machen, sofern dieser verhärmte Mann noch so etwas wie Glück empfinden kann.

Die Erzählungen werden von einem Vorwort der Autorin und einem Nachwort der Übersetzerin eingerahmt. Die Autorin erklärt sehr emotional, dass sie sich nach all den Geschehnissen, die sich seit dem Verfassen der Erzählungen zugetragen haben, fragt, was aus ihren Figuren geworden wäre, hätten sie die Revolution wirklich erlebt. Wer von ihnen wäre aufrecht und unschuldig geblieben, wer zum Mörder geworden? Sie stellt sich Fragen, die mich so stark an die deutsche Geschichte erinnern, dass ich schwer schlucken musste:

Aber wird denn ein Mensch ganz unvermittelt zum Mörder? Haben wir die Anzeichen der Brutalität auf dessen Gesicht nicht wahrgenommen? Haben wir nicht gesehen, wie in jenen Menschen, die vor nicht allzu langer Zeit unsere Freunde gewesen waren, kleine Verbrecher heranwuchsen?

Wobei es sich meist nicht nur um kleine Verbrecher handelte, weder in Syrien noch in Nazi-Deutschland.

Dima Wannous schildert ohne Wertung Episoden aus dem Leben ihrer Figuren, deren wahre Bedeutung und Tragweite für deutsche oder noch allgemeiner nicht-arabische Leser vermutlich mitunter schwer zu verstehen und nachzuvollziehen ist, weil Einblicke in den üblichen Habitus und in die Strukturen des Volkes fehlen. Aber allein aus menschlichem Verständnis heraus machen die Geschichten beklommen, zumal sich die Übersetzerin bemüht hat, sowohl inhaltlich als auch sprachlich alles verständlich zu machen. Das Buch ist also mehr als lesenswert, auch wegen der detailverliebten, anschaulichen Sprache, die mir immer wieder ein Lächeln auf das Gesicht zauberte:

Sein brauner Teint wirkte wie eine Mischung aus klebriger Schokolade, frischer Milch und einer gerösteten Kastanie und vielleicht noch ein paar Stangen Zimt.

Über die Autorin: Dima Wannous (* 1982 in Damaskus) studierte Französische Literatur und Übersetzungswissenschaften in Damaskus, Paris und Lyon. Sie arbeitete als Journalistin für verschiedene Zeitungen und ist heute verantwortlich für die Kulturseite des libanesischen Online-Magazins „Al-Modon“. Sie lebt in Beirut. Bisher veröffentlichte sie zwei Romane: Tafasîl („Dunkle Wolken über Damaskus“ 2007) und Al-Kursi („Der Stuhl“ 2009).

Über die Übersetzerin: Larissa Bender (* 1958 in Köln) studierte Islamwissenschaft, Ethnologie, Soziologie und Kunstgeschichte in Köln und Berlin sowie arabische Sprache in Damaskus. Sie ist Dozentin fürs Arabische, Journalistin mit arabischem Schwerpunkt und auch noch eine der renommiertesten Übersetzerin aus dem Arabischen. Respekt.

Die Autorin geht in Deutschland auf Lesereise:

München, Montag, 20. April 2015, 19:30 Uhr – Lesung und Gespräch mit Dima Wannous und der Übersetzerin Larissa Bender

Veranstaltungsort: EineWeltHaus, Schwanthalerstraße 80

Nürnberg, Dienstag, 21. April 2015, 19:30 Uhr – Lesung im Rahmen der Reihe »Literatur ohne Grenzen« mit der Autorin Dima Wannous und der Übersetzerin Larissa Bender

Veranstaltungsort: Stadtteilbibliothek Zentrum, Ebene L1 Gewerbemuseumsplatz 4

Hamburg, Sonntag, 26. April 2015, 17 Uhr – „Tea Time“-Lesung und Gespräch mit Dima Wannous, der Übersetzerin Larissa Bender und Jutta Heinrich-Rosemann

Veranstaltungsort: Literaturzentrum im Literaturhaus, Schwanenwik 38

Weitere Informationen: www.edition-nautilus.de/programm/belletristik/buch-978-3-89401-796-5.html#termine

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3 Gedanken zu “Dima Wannous: Dunkle Wolken über Damaskus

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