Julian Barnes: Lebensstufen

Eindringlich, bewegend, großartig. Ein Buch, das ich lieber nicht zu weit weglege, da ich es bestimmt öfter lesen werde.

Julian Barnes, Lebensstufen

„Lebensstufen“ von Julian Barnes ist ein erstaunliches Büchlein: Klein im Format, sparsam an Seiten, aber so voll an Weisheit und Wahrheit, dass es mich nachhaltig beeindruckt. Höhe – Ebene – Tiefe sind die titelgebenden Lebensstufen, jeder ist ein Teil gewidmet. In der Höhe geht es um alles, was Menschen errungen haben, manifestiert im Ballonfahren. Teils rebellische Akte haben zum Gewinn der Höhe geführt, zur Eroberung der Luft – ein Raum, der bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts Gott vorbehalten war.

Vielleicht kommt die Welt nicht in einem Prozess des Reifens voran, sondern in einem andauernden Zustand der Pubertät, der bebenden Entdeckungen.

In der Ebene geht es um Liebe und Leidenschaft, ja, auch um gescheiterte Liebe, denn …

Jede Liebesgeschichte ist eine potenzielle Leidensgeschichte. Wenn nicht gleich, dann später. Wenn nicht für den einen, dann für den anderen. Manchmal auch für beide.

Mit diesem Zitat wird auch schon der dritte und weitaus umfangreichste Teil angedeutet, die Tiefe. Dieser letzte Teil ist das Herzstück dieses Buches, denn es geht um Barnes eigene Trauer, nachdem er 2008 seine Frau verlor. Dementsprechend steht die Tiefe vor allem für den Verlust der Tiefe. In Bezug auf griechische Mythologie steht sie aber auch für die Unterwelt, in der die Toten verschwinden, und für Träume und Erinnerungen, in die man sich hineinsinken lässt, um den Toten wieder nah zu sein. Barnes gelingt das fast Unmögliche: Er legt in jeden einzelnen Satz so viel von seinem Schmerz und seiner Fassungslosigkeit, dass es wohl niemanden gibt, den das nicht berührt, wird aber an keiner einzigen Stelle rührselig. Sein ganz eigener Ton macht dieses Buch so unglaublich wertvoll, während er von den vielen Tagen berichtet, an denen er vergessen hat, dass sie nicht mehr da ist, von den Tagen, an denen er trotzdem mit ihr spricht, von den Tagen, an denen er mit dem Gedanken an Selbstmord ringt, um der Qual zu entkommen. Der Verlust seiner Frau hat ihn so vieler Frauen seines Lebens beraubt – nicht nur der Ehefrau, der besten Freundin, der Geliebten, auch der Person, mit der er trauert, mit der er Erinnerungen teilt und verifiziert, der er Geheimnisse anvertraut, der er nach einem ereignisreichen Tag Gute Nacht sagt.

Julian Barnes bringt den Prozess des Trauerns und Leidens auf den Punkt, wie kein anderer. Er zeigt aber auch, warum das nicht das eigene Ende ist, warum es gut ist, weiterzumachen. Ein eindringlicher Bericht, meisterhaft geschrieben.

Über den Autor: Julian Barnes (* 1946 in Leicester) studierte Sprachen und Jura und ist seit 1980 als Schriftsteller tätig, nebenbei übersetzt er aus dem Französischen ins Englische. Barnes wurde mit zahlreichen internationalen Literaturpreisen geehrt, der Höhepunkt war 2011 der Man Booker Prize. 1979 heiratete er seine ehemalige Agentin Pat Kavanagh, die 2008 an einem Gehirntumor starb, 2012 verfasste er das ihr gewidmete Buch „Lebensstufen“.

Über die Übersetzerin: Gertraude Krueger (* 1949) lebt als Dozentin und freie Übersetzerin in Berlin. Sie übersetzt u. a. Alice Walker und Siri Hustvedt.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s