Sherko Fatah: Der letzte Ort

Bewegendes Buch mit Luft nach oben

Sherko Fatah, Der letzte Ort

Worum geht es in diesem Buch? Natürlich um die Entführung von Albert und Osama – da braucht man ja nur den Klappentext zu lesen. Andererseits, warum ist Albert dann so ein verschrobener Kerl? Ein Mann, der seine geisteskranke Schwester liebt, der nichts in seinem Leben auf die Reihe bekommt und der noch heute unter seinem dominanten, sozialistischen Vater leidet.

Aber von vorn … Der Deutsche Albert wird mit seinem Übersetzer Osama im Irak entführt. Unterstützt von einem Stipendium, wollte er hier eigentlich eine Reportage schreiben, nur worüber wusste er nicht so richtig. Er ist neugierig, aber auch ängstlich, sucht die Nähe zu amerikanischen Soldaten. Doch dann geschieht das, wovon jeder denkt, es passiere nur anderen: Er wird entführt und tagelang in einer kleinen Bretterhütte gefangen halten, ab zu und geschlagen, meist aber einfach sich selbst überlassen. Nach einiger Zeit wird er zu einem anderen Ort gebracht, wo er auf Osama trifft, der anscheinend häufiger und heftiger geschlagen wurde als Albert, schließlich gilt er als Verräter seines Volkes, weil er als Übersetzer für den Ausländer tätig war. Er hat das wahre Verbrechen begangen. Die beiden werden quer durch das Land gefahren, durch die sengende Hitze der Wüsten, durch eiskalte Nächte, stets durstig und hungrig, müde und völlig verängstigt.

Wirklich tragisch wird es, als sie getrennt werden. Osama könnte sich mit seiner Orts- und Sprachkenntnis in Sicherheit bringen, doch was wird dann aus dem Deutschen? Seine schwangere Frau wartet, mit den Nerven am Ende, auf seine Rückkehr, doch Osama kann sich nicht entscheiden, seine Loyalität dem Fremden gegenüber ist stärker als die zu seiner Frau.

Während ihrer Gefangenschaft reden Albert und Osama miteinander, sie müssen sich besser kennenlernen, um ihre Geschichte glaubhafter zu machen, doch keiner kann mit den Geschichten des anderen etwas anfangen. Obwohl sie so lange zusammengearbeitet und so vieles gemeinsam überstanden haben, gelingt es ihnen nicht, ihr Misstrauen und ihre Intoleranz, und sei sie noch so gering, zu überwinden und sich auf den jeweils anderen einzulassen. Mit ätzender Hochnäsigkeit redet Albert regelmäßig die Gepflogenheiten und Religion seines Freundes klein, was er zwar auf seine Entführer bezieht, womit er aber auch seinen Freund trifft.

Ich will deine religiösen Gefühle nicht verletzen, aber wir sind in der Hand von bewaffneten Kindern, deren Erziehungsberechtigte Bomben basteln. Das ist ein handfestes Problem.

Dass andererseits Osama nichts mit Alberts Erzählungen aus dessen Leben im deutschen Osten anfangen kann, kann ich wunderbar nachempfinden, denn das gelang mir auch nicht. Warum Albert ausgerechnet ein so seltsames Schicksal haben muss, bleibt mir ein Rätsel – damit schließt Herr Fatah von vornherein jedes mögliche Verständnis von Osama aus. Warum? Ich weiß es nicht. Das ist aber auch das Einzige, das die Schlüssigkeit dieses Buch leicht trübt.

Ansonsten stellt Fatah überaus bewegend, aber kein bisschen rührselig dar, wie sehr sich ein Mensch in Ausnahmesituationen verändert. Ich kam nicht leugnen, dass ich mich ständig fragte: Wie würdest du dich verhalten, wenn dir jemand eine Waffe an den Kopf hält, dich schlägt, dir Essen und Trinken gibt? Aus der Ferne denkt man vielleicht, ich würde mich nicht so erniedrigend auf das Essen meiner Peiniger stürzen, aber man kann es nicht wissen. Was zählt Stolz in jenen Momenten? – Die düsteren Momente von Albert und Osama sind die, in denen sie am meisten Charakter und Profil bekommen und in denen dieses Buch extrem bewegend und wertvoll ist.

Im Großen und Ganzen kann „Der letzte Ort“ aber nicht mit anderen Büchern, die den Menschen in extremen Situationen erforschen, gerade hinsichtlich des Krieges in Nahost, z. B: „Gottes blutiger Himmel“ oder „Der Weg des Falken“ mithalten. Trotzdem lesenswert!

Über den Autor: Sherko Fatah (* 1964 in Ost-Berlin) ist der Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte und lebt heute als freier Schriftsteller in Berlin. Zahlreiche Reisen in den Irak prägen maßgeblich sein literarisches Schaffen, für das er mehrmals ausgezeichnet wurde. 2008 stand sein Buch „Das dunkle Schiff“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis

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