Ece Temelkuran: Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann

Feministisch angehauchte Unterhaltung aus Tausendundeine Nacht

Temelkuran, Was nutzt mir die Revolution

Die Tunesierin Amira, die Ägypterin Maryam und die türkische Ich-Erzählerin treffen sich zufällig nachts in einem Hotel. Verstört vom Arabischen Frühling in ihren Heimatländern, den sie alle mit unterstützt haben, und vom Schicksal aus ihren Leben vertrieben, freunden sie sich an und treffen auf Madame Lilla, die mit jedem Tag geheimnisvoller wird. Die betagte Dame zwingt sie zu einem Roadtrip quer durch die arabische Welt, durch Wüsten, in Kriegsgebiete, zu Waffenlagern, geheimen Rebellen-Treffpunkten, nach Alexandria und in die geheimsten Winkel ihrer Seelen.

Jede der vier Frauen läuft vor ihrem Leben davon – die Tänzerin Amira vor der Schmähung ihrer Familie und dem Verrat ihrer großen Liebe, Maryam vor den Geschehnissen auf dem Tahrir-Platz, die als Journalistin tätige Ich-Erzählerin vor der Gefährdung ihres Berufsstands in der Türkei – und sucht gleichzeitig einen Weg zurück. Madame Lilla scheint genau zu wissen, was die jungen Frauen brauchen, und verbindet das geschickt mit ihren ganz privaten Racheplänen an der Männerschaft.

Die türkische Autorin Ece Temelkuran steht Scheherazade in nichts nach, indem sie die rastlose Suche der Frauen mit einer starken, ausgefallenen Erzählweise verbindet. Jedes Kapitel beginnt mit dessen Ende, erst danach erfährt man, wie dieses Ende zustande kam. Die Kapitel sind geschickt miteinander verbunden und verwickelt, was allerdings auch viel Aufmerksamkeit und Erinnerungsvermögen des Lesers erfordert. „Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann“ ist ein Buch über Frauen. Über Frauen, die zwischen Tradition und Moderne gefangen sind, die für die Revolution kämpfen, aber nicht ahnen, was sie danach erwartet, und die nicht wissen, wie lange sie kämpfen sollen und wann sie lieber aufgeben sollen.

‘Sie nehmen das Leben ernst, aber wie ernst sie es nehmen sollen, das wissen Sie nicht so recht.‘

Madame Lilla führt die drei Frauen zu den Schauplätzen, die ihr eigenes Leben beeinflusst und gelenkt haben, um den Frauen Orientierung zu geben. Um Männer geht es dabei verständlicherweise nur am Rande und doch ständig.

Ein Mann ist nicht mehr als der Atem einer Frau.

Dieses Buch ist ein Schatz feministischer Weisheit aus Nahost. Wir begegnen Fatima, der Schutzheiligen der Mütter, Dido, der karthagischen Königin, die sich wegen eines Mannes umbrachte, und zahlreichen anderen Frauen aus Mythos und Fiktion, die den jungen Frauen aus allen Teilen der Welt, unabhängig von ihren Heimatländern und Religionen, helfen können, ihren Weg zu finden.

Zweifelsohne ist dieses Buch keine leichte Kost, und es wäre falsch, es als feministische Literatur abzustempeln, denn es geht auch maßgeblich um die muslimische Religion und Kultur, die sich gerade in einem starken Wandel befindet. Also bitte, die Herren, nicht abschrecken lassen – es ist uneingeschränkt für alle zu empfehlen. Große Literatur!

Über die Autorin: Ece Temelkuran (*1973 in Izmir, Türkei) ist studierte Juristin, arbeitet aber seit Langem als Journalistin und Schriftstellerin in der Türkei. Wegen ihrer regierungskritischen Haltung und ebensolcher Artikel verlor sie ihre Anstellung bei verschiedenen Zeitungen und beim Fernsehen. Ihre Artikel, Essays und 12 Bücher erscheinen in vielen Sprachen und erhalten internationale Anerkennung. Außerdem ist sie als politische Rednerin international aktiv.

Über den Übersetzer: Johannes Neuner (* 1975) arbeitet als Übersetzer aus dem Türkischen und Französischen und studiert aktuell Volkswirtschaftslehre. Nebenbei unterrichtet er Türkisch am Sprachlehrinstitut der Universität Freiburg.

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2 Gedanken zu “Ece Temelkuran: Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann

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