Hila Blum: Der Besuch

Große Klasse!

Hila Blum, Der Besuch

Am Anfang dachte ich, dieses Buch würde mich vielleicht schnell langweilen – es passierte so gar nichts, in Nilis Kopf, aus deren Perspektive wir die Handlung verfolgen, wird viel gedacht, sie ist oft im Zwiespalt mit sich selbst und auch mit ihrem Mann, Nati, sie erinnert sich viel – doch das Überraschende: Erinnern kann spannend sein, packend, bewegend, witzig, rührend – alles in einem!

Die Handlung findet nicht chronologisch statt, doch ich es bringe hier mal in eine Linie, auch nur ganz kurz, versprochen. Nili lernt Nati kennen und lieben, kurz nach ihrem ersten Treffen und anlässlich Nilis Geburtstags fliegen sie von Jerusalem nach Paris für eine tolle, romantische Woche:

Zwei schönere Versionen ihrer selbst wanderten durch die Straßen von Paris, einander fröhlich neckend, verzaubert von ihrer dritten Größe, der gemeinsamen.

An ihrem letzten Abend gehen sie chic und vor allem unverschämt teuer essen, doch kaum wollen sie zahlen, stellt Nati fest, dass sein Portemonnaie verschwunden ist. Der Dicke vom Nachbartisch, der die ganze Zeit ihre Aufmerksamkeit fesselte, übernimmt die Rechnung und verspricht, das Portemonnaie samt aller Papier, das wohl im Theater liegen geblieben ist, zurückzuholen. Gesagt, getan – Ende gut, alles gut.

Mittlerweile sind viele Jahre vergangen, Nili und Nati sind mehr oder weniger glücklich verheiratet und ein Telefonanruf kündigt eben diesen Dicken aus dem Restaurant für ein Treffen in Jerusalem an. Das bringt Nilis Sorgen- und Erinnerungsmaschinerie in Gang, sie denkt an die Zeit in Paris, an den fast tödlichen Unfall ihrer kleinen Tochter Asia, der sie und Asia bis heute verfolgt, an all die nervtötenden Eskapaden mit ihrer Stieftochter Dida, an ihr Misstrauen Nati gegenüber, der vielleicht eine Geliebte hat, vielleicht auch nicht, an ihre verrückte Schwester, die seit einer kurzen Entführung in ihrer Kindheit durchgeknallt ist, an ihre demente Mutter und was sie ihr und ihrer Schwester früher antat … Sie verstrickt sich in ihre Ängste, ihre Sorgen und ihr Misstrauen allem und jedem gegenüber, denn angeblich kann man nie vorsichtig genug sein, doch Nili weiß, man kann. Diesem Lebensmotto gemäß überprüft sie alles in ihrer Umgebung lieber doppelt, doch es gibt die Momente, in denen sie sich der menschlichen Schwäche ergeben und die Kontrolle abgeben muss.

„Der Besuch“ ist ein großartiger Debütroman von der israelischen Schriftstellerin Hila Blum, die aus der Sicht einer Frau mit Stärken und Schwächen völlig unerschrocken aus dem Leben einer modernen Familie erzählt. Hier gibt es Lärm und Streit, Wärme und Geborgenheit, Zornausbrüche, eisiges Schweigen und abgrundtiefe Ehrlichkeit. Der Besuch selbst hat eigentlich kaum eine Bedeutung, aber was er in Gang setzt, sowohl in der Figur Nili, als auch in der Erzählung selbst, ist durchaus bedeutsam – und so spannend, dass Blum über 400 Seiten füllen kann und nie belanglos wird. Sprachlich ebenfalls einwandfrei, stets das richtige Wort an der richtigen Stelle, um Nilis Seele vor uns Lesern bloß zu legen, was auch mal schmerzlich ist – für Nili und für uns.

Zur Autorin: Hila Blum (* 1969 in Jerusalem) legt mit „Der Besuch“ ihren ersten Roman vor. Sie arbeitet nach einigen Jahren im Journalismus heute als Lektorin und lebte in Hawaii und New York. Heute wohnt sie mit ihrer Familie in Jerusalem.

Zur Übersetzerin: Mirjam Pressler (* 1940 in Darmstadt) studierte Bildende Künste und Sprachen in Frankfurt/Main und München und lebt heute als Autorin und Übersetzerin in Landshut. In beiden Bereichen ist sie äußerst erfolgreich und renommiert, was zahlreiche Auszeichnungen beweisen. Berühmt wurde sie durch ihre Übersetzung der Tagebücher von Anne Frank.

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2 Gedanken zu “Hila Blum: Der Besuch

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