Christopher Morley: Das Haus der vergessenen Bücher

Schöne Unterhaltung in ausgefallenem Stil.

Christopher Morley, Das Haus der vergessenen Bücher

Die Story dieses schönen Buches ist schnell erzählt: Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs geschehen seltsame Dinge in der erhabenen Antiquariatsbuchhandlung „Parnassus“ von Roger Mifflin. Kurz bevor er die schöne, aber verwöhnte Titania – Tochter eines millionenschweren Geschäftsmannes ­– als Aushilfe in sein Geschäft nimmt, schneit Aubrey Gilbert eines Abends hinein und bietet ihm die Dienste der Werbeagentur, für die er arbeitet, an. Obwohl Mifflin ablehnt, verstehen sich die beiden Männer hervorragend und verbringen einen schönen Abend mit gutem Essen und angeregten Literaturdiskursen. In den nächsten Tagen kehrt Gilbert zurück und verliebt sich Hals über Kopf in Titania. Parallel dazu geschehen mysteriöse Vorgänge rund um das Buch „Oliver Cromwell“ von Thomas Carlyle – mal verschwindet das Buch, mal ist es wieder da, ein Koch sucht in einer Zeitungsanzeige danach, dann taucht der Ledereinband ohne Buch auf … Da Gilbert eine Komplizenschaft zwischen dem scheinbar harmlosen und mehr als kauzigen Mifflin und unbekannten Gangstern vermutet, die Miss Titania in Gefahr bringen könnten, beginnt er ein Katz-und-Maus-Spiel, das ihn schnell auf die Fährten eines deutschen Apothekers und eines geplanten Attentats führt.

„Das Haus der vergessenen Bücher“ ist eine Liebeserklärung nicht nur an die Literatur, sondern auch an die Buchhändler. In sehr unterhaltsamen Dialogen geht es beispielsweise um die Aufgabe des Buchhändlers: Soll er seine Kunden einfach mit dem versorgen, was sie verlangen, oder soll er zu ihrer Bildung beitragen, soll er ihnen also das geben, was sie brauchen, wenn sie es auch noch nicht wissen? Neben den Passagen, die schlichtweg die Handlung am Laufen halten, gibt es wunderbare Abschnitte, in denen noch gedacht wird. In diesem Buch geht es nicht nur um die Story, sondern auch darum, etwas zu sagen, darum, die Leser zu bilden – und doch bleibt es unterhaltsam. Leider hat man heute oft die Wahl zwischen platter Unterhaltung oder anstrengender Kopflektüre. Christopher Morley dagegen bietet uns etwas anderes. So etwas findet man heute nur noch selten – dazu lässt sich gleich sagen: Dieses Buch stammt von 1919. Der Atlantik Verlag, in dem dieses Buch unlängst auf Deutsch erschienen ist, hat sich nicht nur den heutigen Autoren verschrieben, sondern bringt auch alte Klassiker raus, dieser Roman gehört definitiv dazu.

Die Sprache ist dementsprechend erhaben und ehrwürdig, der Erzählerton ist wie aus einem alten Krimi – vermutlich sitzt er in einem karierten Sessel am Kamin, mit Pfeife und Hund zu Füßen – einfach herrlich! Auch der Charme New Yorks aus den zwanziger Jahren wird gemütlich zum Ausdruck gebracht. Fazit: Unbedingt lesen, am besten an einem stürmischen Herbstabend bei Tee und Kerzenschimmer.

Zum Autor: Christopher Morley (1890–1957) war ein US-amerikanischer Journalist, Literaturkritiker und Herausgeber. Seine Leidenschaft für Sherlock Holmes merkt man dem hier vorgestellten Roman an. Daneben schrieb er aber weitere Romane sowie Essays und Studien über Sherlock Holmes. Sein Buch „Kitty Foyle“ wurde 1940 verfilmt.

Zur Übersetzerin: Renate Orth-Guttmann (*1935 in Berlin) studierte Anglistik und Slawistik. 1989 erhielt sie den Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis. Zu den zahlreichen von ihr übersetzten Autoren gehört z. B. auch Joyce Carol Oats.

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