Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe

Ein Buch voller schicksalsträchtiger Leichtigkeit. Ja, das geht.

Olga Grjasnowa

Leyla ist eine semierfolgreiche Primaballerina und mit Altay, Assistenzarzt an einer Drogenklinik, verheiratet. Liebe verbindet die zwei nicht, aber tiefe Zuneigung und die Möglichkeit, durch diese Scheinehe frei zu sein – homosexuell zu sein. Als Kind pendelte Leyla zwischen ihren geschiedenen Eltern und zwischen Baku und Moskau hin und her. Keiner der beiden wollte sie wirklich haben, außerdem hegte ihre Mutter den Traum, aus ihrer Tochter eine erfolgreiche Balletttänzerin zu machen, also wurde Leyla gedrillt. Talentiert war sie, aber ohne jeden Ehrgeiz – und so erreichte sie zwar eine glänzende Karriere, aber bis zur Spitze kam sie doch nicht.

Als Homosexueller hatte es auch Altay nie leicht. Dank Bestechung bekommt er eine Stelle als Arzt in Moskau, als Schwuler jedoch auch immer die besonders schweren Fälle – vergewaltige, misshandelte junge Männer mit der gleichen Gesinnung, Halbtote, fast erfrorene Obdachlose. Der Entschluss, nach Berlin zu ziehen, geht mit der Hoffnung einher, in dieser freien, schrillen Stadt auch frei leben zu können. Seine Frau nimmt er mit. Kaum in Berlin angekommen, begegnen sie Jonoun, einer Kellnerin, die eindeutig ein Auge auf Leyla geworfen hat. Leyla lässt sich auf das Abenteuer ein und es beginnt eine schwierige Zeit für alle drei. Die körperliche Leidenschaft reicht nicht aus, um über die tiefgreifenden Unterschiede zwischen den beiden Frauen hinwegzusehen: Auf der einen Seite Leyla, die eine Rolle am Berliner Ballett ergattert hat, körperlich in Topform, stets mit Training beschäftigt und krankhaft Kalorien zählend. Auf der anderen Seiten Jonoun mit ihrer gescheiterten Existenz, einem Ex-Ehemann, einer toten Mutter, kellnernd, etwas übergewichtig und nach Liebe und Anerkennung suchend. Altay als dritter Posten kommt erschwerend hinzu: Er ist ordnungsliebend und hygienisch, Jonoun ganz das Gegenteil. Auch wenn seine Liebe zu Leyla plantonisch ist, ist sie doch seine Frau und dass sich Jonoun dazwischen schiebt, gefällt ihm gar nicht.

Irgendwann bricht Leyla aus dem Beziehungschaos aus, verlässt beide und fliegt nach Baku, schließt sich der gelangweilten jungen Oberschicht an und gerät in illegale Autorennen, die in ihrer Festnahme und Misshandlung durch autoritäre Polizisten enden. Erst Altay kann sie nach einigen Tagen aus dem Gefängnis befreien. Doch der Aufenthalt bei Leylas schwieriger Mutter Salome bringt auch nicht die dringend notwendige Erholung. Während sich Altay in das Nachtlebens Bakus stürzt – und sich damit einiger Gefahr ausgesetzt –, reisen Leyla und Jonoun durch die angrenzenden Länder und versuchen, wieder zueinanderzufinden. Nach den letzten wortlosen Tagen dieser ziellosen Reise ist die Trennung jedoch nicht abwendbar. Auch Altays Tage mit seiner großen Liebe enden tragisch.

Olga Grjasnowa erzählt mit spielerischer Leichtigkeit tragische Geschichten. Die Figuren ihrer Bücher sind unglücklich und glücklos, müssen ringen und kämpfen – und doch merkt man das kaum. Nur selten lässt Grjasnowa die Figuren direkt von ihrem Unglück berichten – den Rest muss sich der Leser denken. Sicherlich auch, weil die Kapitel stets kurze Szenen sind, in denen das wichtigste Geschehen erzählt wird, doch sobald die psychischen Auswirkungen erkennbar werden, ist die Szene zu Ende, und eine neue beginnt. Leyla und Altay schlüpfen scheinbar mühelose in die verschiedensten Kulturen – doch auch die vermeintlich prächtigen orientalischen Städte im postsowjetischen Aserbaidschan und Georgien sind eher graue, armselige Dörfchen ohne besonderen Reiz, aber voller Korruption. Und so strampeln sich Leyla, Altay und Jonoun auf der Suche nach der Erlösung in der Liebe ab und finden sie doch nicht oder einfach anders, als sie dachten. Eine starke, reizvolle Story mit ach so menschlichen Charakteren.

Zur Autorin: Olga Grjasnowa (* 1984 in Baku) legte erst vor zwei Jahren mit „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ ihr hochgelobtes literarisches Debüt hin. Als Flüchtlinge kam ihre Familie 1996 nach Deutschland. Nach einem abgebrochenen Studium in Kunstgeschichte und Slawistik übersiedelte sie an das Literaturinstitut Leipzig, wo sie mit einem Bachelor abschloss und zu Studienaufenthalten in verschiedenen Ländern aufbrach. Mittlerweile studiert die Tanzwissenschaft in Berlin, was die Figur von Leyla und die Kritik an dem Tanzbetrieb stark beeinflusst haben dürfte.

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s