Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen

Glücklich sind in diesem Buch nur wenige. Und doch alle. Nur immer in Momenten, in denen es unerwartet ist, zumindest von außen.

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Wäre es nicht schön, in einer glücklichen, harmonischen Familie zu leben, die Eltern lieben sich, die Kinder sind fröhlich und unbeschwert, die Großeltern kommen vorbei und bringen Süßigkeiten mit und erfreuen sich an den herzallerliebsten Kinderchen? So könnte das sein – in Hollywood-Filmen zumindest. Und in der Realität? Zumindest selten. Denn die Eltern streiten sich vielleicht beim Einkaufen über die Käseauswahl (kommt in Frankreich zugegebenermaßen wahrscheinlich häufiger vor als in Deutschland), der Vater hat eine Affäre, die Mutter womöglich auch, vielleicht sogar der herzkranke Großvater, die Oma klagt über die vielen Termine des Gatten, wodurch sie ständig allein ist, und über sein mangelndes Interesse, das nach 40 Jahren Ehe verständlicherweise etwas erschöpft ist.

Und doch blitzen sie durch, die kleinen Momente des Glücks, beim Männerabend bei Pasta und Wein, beim erleichternd oberflächlichen, ehrlichen Gespräch mit dem Liebhaber, beim unerwarteten Wiedersehen mit einem alten Freund, der einen gut kannte … Yasmina Reza zeigt uns in ihrem neuen Roman, der aus vielen kleinen Episoden aus den Leben verschiedenster Menschen, die doch alle in einem Netz aus Bekanntschaft zusammenhängen, besteht, dass das Glück nicht das Ziel, sondern der Weg ist. Und das zeigt sie auf desillusionierende, zynische und humorvolle, schlichtweg großartige Art. All ihre Figuren sind unnachgiebig und egoistisch und brutal intolerant, manche sind einfach unglücklich und nicht in der Lage, sich selbst aus ihrem Sumpf herauszuziehen. Und bei manchen liegt das süße Unglück in der Frage: Mag er mich oder nicht? In jeder Figur kann man ein Stück weit sich selbst erkennen.

„Du kannst in der Liebe nicht glücklich sein, wenn du nicht zum Glücklichsein veranlagt bist.“

Da drängt sich die Frage ja quasi auf – gibt es das, die Veranlagung zum Glücklichsein? Oder folgt man eher Freud, der meinte:

„Die Absicht, dass der Mensch glücklich ist, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.“

Vielleicht stimmt beides ein bisschen, und vielleicht bin ich pessimistisch, wenn ich glaube, dass es dauerhaftes Glück nicht gibt. Man kann vielleicht zur Fröhlichkeit veranlagt sein und auf jeden Fall mit der Fähigkeit gesegnet, alles leicht zu nehmen und sich schnell an die Umstände anzupassen und einfach das Beste draus zu machen – solche Menschen kenne ich tatsächlich und ich nehme sie mir oft zum Vorbild. Aber zum Glücklichsein kann man nicht veranlagt sein – was im Umkehrschluss glücklicherweise nicht bedeutet, dass man nicht glücklich sein kann – ich bin zum Beispiel glücklich über dieses Buch! Man kann und sollte versuchen, jeden Tag ein bisschen Glück aus den kleinen Dingen des Lebens zu ziehen – auch das ist ja eine Gabe – und für mich zumindest mehr wert. Ohne Schatten verliert Licht seine Bedeutung.

Und nach so viel Reden über das Glück nun Daumen drücken für das Deutschland-Spiel heute Abend J

Zur Autorin: Yasmina Reza (* 1959 in Paris) wurde durch ihr Buch „Der Gott des Gemetzels“ bekannt. Schon mit diesem Roman hat sie ihre Scharfsinnigkeit und Schonungslosigkeit unter Beweis gestellt. Wenn sie gerade keine Romane und Theaterstücke schreibt, arbeitet sie als Regisseurin und Schauspielerin.

Zu den Übersetzern: Frank Heibert (*1960 in Essen) arbeitet als Autor, Musiker und Übersetzer aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Portugiesischen. Von 1990 bis 1995 leitete er den Zebra-Literaturverlag. Hinrich Schmidt-Henkel (*1959 in Berlin) übersetzt aus dem Französischen, Norwegischen und Italienischen ins Deutsche und ist Vorsitzender des Verbands Deutschsprachiger Übersetzer Literarischer und Wissenschaftlicher Werke.

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Ein Gedanke zu “Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen

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