Matt Haig: Ich und die Menschen

Ausgangspunkt dieses Buches ist: Die Menschen sind primitiv. Das immer wieder zu lesen macht keinen großen Spaß, aber mal ehrlich: ein halbe Stunde RTL II reicht aus, das einzusehen. 

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Immerhin einer der Menschen hat es nun aber geschafft, die komplizierte mathematische Riemannsche Vermutung, die großen Fortschritt bringen würde, zu beweisen. Grund genug für die interstellare Gemeinschaft, in Panik auszubrechen. Denn so viel Fortschritt gehört wirklich nicht in die Hände von uns primitiven, geld- und machtgierigen, aggressiven Menschlingen. Also schicken sie einen Vonnadorianer zu uns, der den Platz von Professor Andrew Martin – dem brillanten Mathematiker – einnehmen soll, um die tolle Entdeckung zu vertuschen. Nun wissen die Vonnadorianer zwar alles Schlechte über uns. Das Gute ist ihnen aber noch nicht zu Ohren gekommen und wie das gesellschaftliche Benehmen hier aussieht, ebenfalls nicht. Also stapft der neue Andrew Martin nackt durch die Welt, wird festgenommen, erträgt Regen nicht, versteht überhaupt nicht, was es mit Liebe und Ehe auf sich hat und kann an seinem unfreiwillig angenommenen Auftrag überhaupt nichts Gutes finden.

Doch nach und nach gewöhnt er sich an die Gestalt der Menschen, entdeckt sein Faible für Erdnussbuttersandwiches und freundet sich mit Newton, dem Hund der Familie, an. Dabei bemerkt er auch, wie viel Gutes es doch bei uns Menschen gibt, dass nicht alle schlecht und geldgierig sind, dass sein „Sohn“ Gulliver selbstmordgefährdet ist, weil er unter dem Druck des Vaters zerbricht, dass seine „Frau“ Isobel doch wunderschön und liebevoll ist, und unsere Kommunikation nicht so primitiv ist wie er dachte.

„Er lachte. Es war das typische Lachen, hinter dem männliche Menschen ihre Gefühle verbergen.“

Das Ende vom Lied: Er kann die Betroffenen nicht umbringen und damit seinen Auftrag nicht erfüllen. Er will nicht einmal nach Hause zurückkehren, sondern bei Isobel und Gulliver bleiben.

„Liebe ist das, was die Menschen ausmacht, und doch haben sie keine Ahnung, wie sie funktioniert. Wenn sie es wüssten, wäre sie nicht mehr da. Ich weiß nur, dass die Liebe eine beängstigende Sache ist. Und die Menschen haben große Angst vor ihr, was übrigens der Grund dafür ist, dass es Quizshows gibt. Zur Ablenkung – um auf andere Gedanken zu kommen.“

Dieses Buch ist eine großartige Idee, die dem Autor kam, als er selbst in einer großen, tiefen Krise steckte, was erstaunlich ist, denn „Ich und die Menschen“ ist eine Liebeserklärung an uns alle. Da sich die Story in diesem Buch an die Vonnadorianer richtet, kann der Ich-Erzähler über alles reflektieren, was für uns Menschen selbstverständlich ist, so wundert er sich über die bedingungslose Loyalität von Hunden, über unsere Nachrichten, die doch viel eher „Krieg-und Geld-Show“ heißen müssten, erklärt offen und witzig unsere komplexe Mimik, beispielsweise die Angewohnheit, mit einem Lachen Gefühle zu verbergen. „Ich und die Menschen“ ist ein Buch, das zwar in puncto Kitsch und Gefühlsduseligkeit aus dem Vollen schöpft, das mich aber doch auch immer wieder zum lauten Lachen und Schmunzeln brachte – immer dann natürlich, wenn ich mich ertappt fühlte. Sehr gute Unterhaltung und wunderbar übersetzt!

Zum Autor: Matt Haig (* 1975 in Sheffield) studierte Englisch und Geschichte an der Hull University und lebt heute als Autor in London und New York. Er veröffentlichte zahlreiche Romane sowie Kinderbücher und schreibt außerdem Drehbücher und für Zeitungen. Seine Werke werden in 29 Sprachen übersetzt und sind vielausgezeichnet, unter anderem mit dem Galaxy Book Award, was nicht nur ziemlich anmaßend ist, sondern auch ziemlich passend – zu diesem Buch zumindest.

Zur Übersetzerin: Sophie Zeitz (* 1972 in Frankfurt/Main) studierte Amerikanistik, Romanistik und Philosophie in Heidelberg, Granada und München und arbeitete anschließend bei dtv (dem Verlag dieses Buches) als Lektorin, bevor sie sich als selbstständige Übersetzerin in Berlin niederließ. Sie hat schon viele Bücher grandios ins Deutsche übersetzt, einer ihrer größten Erfolge ist aber „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Greene, das mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt wurde.

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